Tessin/gc/ak. Gut ein Jahr nach dem brutalen Doppelmord in Tessin (Landkreis Ludwigslust) beschäftigt die schreckliche Tat der zwei Gymnasiasten noch immer die Menschen in der Region. Im Januar 2007 von Funk- und Fernsehstationen noch dicht umlagert, steht seit dem das Haus der Opfer still und verlassen im Ort. „Verwandte kümmern sich um das Anwesen“, sagt Gertrud Geistlinger. Für die 71-jährige Bürgermeisterin sind die Wunden, die das Verbrechen schlug, in der 200-Seelen-Gemeinde noch lange nicht verheilt. „Hinter uns liegt ein schweres Jahr. Verstehen, begreifen und entschuldigen kann das bis heute niemand.“ Sie führt die problematische Aufarbeitung des Geschehens auf die fehlende Motivlage der inzwischen zu je 9,5 Jahren verurteilten jungen Männer zurück, die auch im Prozessverlauf im Dunkeln blieb. Die dörfliche Gemeinschaft habe trotzdem zusammengehalten und versucht, damit klar zu kommen. „Über die kulturelle Schiene bemühten wir uns das Leben im Dorf wieder etwas anzukurbeln und zur Normalität zurückzufinden“, sagt sie, aber – so richtig gelungen sei das noch nicht. Der 17-jährige Florian E., der genau vor einem Jahr (13.1.07) dem blutigen Desaster in seinem Elternhaus knapp entrann, lebt heute in Neuhaus bei seiner Großmutter und besucht eine niedersächsische Schule. „Seine Verwandten unterstützen ihn hier sehr“, weiß Pastor Friedrich Härke, in dessen Kirchengemeinde die Eltern von Florian zu Lebzeiten stark eingebunden waren. Willkommene finanzielle Hilfe erhielt der junge Mann auch von den Boizenburger Gymnasiasten. Sie führten nach der Tat ihrer zwei Mitschüler eine spontane Sammelaktion durch, damit Florian eine Starthilfe zum Erwerb eines Führerscheins hat und sein künftiges Leben einrichten kann. Auch im Boizenburger Gymnasium sind die Wunden noch nicht verheilt. „Wir haben hier 470 Schüler in den Klassen 7 bis 13. Dabei handelt es sich nicht nur um Klassen, in denen die Täter saßen, sondern auch um die, wo heute noch Opfer und Betroffene unterrichtet werden“, sagt Schulleiter Norbert Stern. „Die Gedanken an diese Tat werden für immer bleiben. Der Umgang damit ist nicht einfach, aber die Hoffnung bleibt, dass so etwas nicht wieder passiert.“ Der im Gymnasium für die Schüler eingerichtete Trauerraum ist inzwischen verschwunden. Er wurde ein gutes halbes Jahr für Gespräche mit Psychologen, Seelsorger und Vertretern des Landkreises rege genutzt. Darin konnten die Schüler auch ihre Gedanken zu Papier bringen, die sie nicht aussprechen konnten oder wollten – ein wichtiger Schritt bei der Verarbeitung des Geschehens. Die beiden Täter säßen heute in der 12. Klasse, würden in diesem Jahr nach den neuen Verordnungen ihr Abitur ablegen. doch daraus wird auf lange Sicht nichts. Felix D. und Torben B., die von Nachbarn und Lehrern als freundlich und unauffällig beschrieben worden waren, hatten am 13. Januar in dem Ort bei Boizenburg einen 46-jährigen Mann mit mindestens 17 und dessen 41 Jahre alte Ehefrau mit 62 Messerstichen getötet. Ihr Sohn Florian hatte sich verbarrikadieren und die Polizei alarmieren können, die die Täter nach kurzer Flucht stellte. Über die Motive für die außergewöhnlich grausame Tat ist seit dem immer wieder spekuliert worden. Die beiden Jugendlichen sind wegen zweifachen Mordes zu jeweils neuneinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Das Landgericht Schwerin blieb mit seinem Urteil nur knapp unter der nach Jugendstrafrecht möglichen Höchststrafe von zehn Jahren. |