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Kasachstan Leben Bericht
Rabatt für Spätbucher
16 Stunden Zugfahrt und 650 Kilometer durch Kasachstan
Redaktion: Constanze Jantsch
Eingestellt am  15.11.2011 Aktualitätsende 25.11.2011
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Kostanay/gc. Astana am Freitagabend, 14. Oktober 2011, 18 Uhr: Ich habe die Holzklasse erwischt. Wer in Russland oder Kasachstan Zug fährt, sollte sein Ticket etwas geplanter kaufen. Als ich am Hauptbahnhof in Astana stehe, scheint es, als habe ich Glück. Ich kann zwischen Coupe oder Platzkarte wählen, das sind zwei Zugklassen, in denen es sich gut aushalten lässt und jeder Passagier einen zugewiesen Platz bekommt.

Ich wähle Platzkarte, die Angestellte gibt meinen Namen ein, der auf jedem Ticket ausgewiesen sein muss. Er ist zusammen mit meinem Reisepass die Eintrittskarte für den Zug und somit zurück in meine neue Heimatstadt Kostanay, im Norden Kasachstans.

Während in Deutschland das Ticket zum Abfahrtszeitpunkt teurer wird, so ist es hier andersherum. Mut oder Leichtsinn, das Ticket nicht vorher zu kaufen, wird hier mit einem Spätbucherrabbat belohnt.

Innerlich mache ich Luftsprünge, geht mein Zug doch schon in 10 Minuten. Doch in dem Moment, indem die Angestellte meinen Nachnamen eintippt, blockiert das System. Es gibt nur noch Obschij-Wagon für den letzten Zug um 18 Uhr, also zwei Stunden später. Ich wünschte, ich wäre eine Petrowa oder Kusnezowa oder hätte einen anderen Pass, auf dem in kyrillischen Buchstaben alles vermerkt wäre. So kaufe ich das Ticket für umgerechnet 5 Euro und stelle mich innerlich auf die 650 schlaflosesten Kilometer meines Lebens ein. Wer Obschij-Wagon „fährt“, muss sich seinen Sitzplatz erkämpfen. Mit meinem Rucksack habe ich schlechte Karten, schnell in den Zug zu kommen. Beim Einsteigen wird ein Russe auf mich und meinen Rucksack aufmerksam. Er ist es auch, der mir später hilft, diesen oben auf die Ablage zu wuchten. Wir sitzen an der Seite des Ganges, ich in der Mitte, besagter Mann, an meiner rechten Seite. Er ist Raucher, das ist nicht schwer zu erraten. Sein Geruch an kaltem Tabak­rauch vermischt sich dem der Kohle, der durch das offene Wagonfenster hereinweht. Rechts von mir sitzt eine junge Frau, die leise in ihr Taschentuch schnieft. Sie ist verschnupft. Wo in einem Platzkartenabteil normalerweise vier Leute liegen (zweioben, zwei unten), sitzen im Obschij-Abteil sieben.

Auf der linken Seite hinten am Fenster sitzt eine Frau. Sie trägt einen blauen Kittel mit Blumenmuster, Hausschuhe mit Karomuster und knabbert Sonnenblumenkerne, deren Reste sich vor ihr auf dem ausgerollten Zeitungspapier türmen. Krause, rot gefärbte Haare stehen in alle Richtungen ab. Ihr Mund steht offen, Zähne sind auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Sie atmet schwer. Von einem jungen Mädchen gegenüber lässt sie sich eine Spritze setzen.

Mein vom Rauchen zurückgekehrter Sitznachbar macht Sudoku, nebenbei verspeist er einen goldgelben, in fett ausgebackenen Teigtaler, der aussieht wie ein riesiges Ufo. Links spielen junge Männer und Frauen Karten. Rechts sitzen die Männer unter sich. Unter dem Pullover eines Mannes quillt die nackte, speckige Rückenansicht hervor. Von oben vernehme ich das Schnarchen einer Frau, am Ende des Waggons schreit ein Kind. Auf den anderen Plätzen breitet eine große Runde diverse Teigtaschen aus. Es riecht deftig. Die Männer, in deren Gesichter sich tiefe Falten gegraben haben, tragen grau-schwarze Pullover, die entweder an ihren dünnen Körpern schlabbern oder sich Dinge abzeichnen lassen, die Frau nicht einmal erahnen will.

Im Gang herrscht reger Publikumsverkehr. Die Raucher zieht es ständig ans Waggonende. Eine alte Dame schneidet eine Scheibe Salami ab, während ihr Mann die Gardinenstange vom Fenster holt. Rechts von mir verschüttet die Frau Sonnenblumenkerne auf dem Fußboden. In der Herrenrunde wird eine weitere Flasche Wodka geöffnet. Die Herumsitzenden wachen über den Prozess. Einer der Männer verspeist ein gepultes Ei; mit Sorgfalt bestreut er es mit Salz, die Reste rieseln auf den Fußboden. Langsam verdunkelt sich der Himmel, das schummrige Licht lässt mich müde werden.

Zu fortgeschrittener Nachtstunde starren junge Männer auf ihre Mobiltelefone. Sie haben keine Hemmungen, ihre Nachbarn an ihrem schlechten Musikgeschmack teilhaben zu lassen.

Wenn der Zug hält und die Passagiere wechseln, werden hunderte Plastiktüten und kleinere Taschen durch die Gänge getragen, aber auch Größeres wie Fernseher oder Computer.

Nachdem ich mich auf dem frei gewordenen Platz rechts sitzen kann, setzt sich ein junges Mädchen mit Vogelnestfrisur  zwischen mich und meinen Helfer. Berührungsängste hat sie offenbar keine. Unsere Pohälften drücken sich aneinander. Um kurz nach ein Uhr ist das Vogelnest einem Pferdeschwanz gewichen, der von einem Haargummi XXL mit Blumenblüte und doppelter Schleife gehalten wird. Das weiß-hellblaue Ensemble wird durch diverse Strassapplikationen untersetzt. Auch unsere Körper berühren sich, unsere Oberschenkel liegen eng aneinander. Doch sie würdigt mich keines Blickes, und haut mir lieber bei jeder Drehung ihre Haare ins Gesicht.

Nach einem längeren Halt sitzen wir nun zu viert. Der neue Mann links neben mir sieht aus wie ein asiatischer Elvis. Im Gang stehen etliche Passagiere ohne Sitzgelegenheit.

Mittlerweile ist es 3.30 Uhr und ich fühle mich wie das Vieh vor der Schlachtung. Es riecht, sofern ich es stark übermüdet wahrnehmen kann, nach einer Mischung aus Schweißfuß und kaltem Rauch. Ein Schweizer Kräuterbonbon gibt mir Kraft. Ich beginne, die Wodka-Trinker nebenan zu beneiden, besonders den Dicken mit dem zu kurzen Pulli, der schon lange glücklich schnarcht.

Bei nächsten Halt lässt sich ein Polizist blicken. Die Wodkarunde grüßt er freundlich. Ich habe noch unendliche 6 Stunden Fahrt vor mir. In den letzten 10 Stunden war ich nicht auf der Toilette. Alle, die aus dieser Richtung kamen, es war eine Menge, rochen ausnahmslos so, als hätten sie Waschbecken und WC verwechselt. Endlich, es ist Samstagmorgen, 15. Oktober 2011, 10 Uhr: Ankunft in Kostanay.

Meine Zugbekanntschaft hilft mir beim Aussteigen. Wir verabschieden uns, machen uns noch kurz miteinander bekannt: Constanze. Victor ...

In meiner mir noch fremden Wohnung, in der ich selbst erst zwei Nächte verbracht habe, hocke ich auf der Couch und spüre noch immer das Rattern des Zuges. Mir ist schwindlig. Über mir läuft eine Renovierung, woanders höre ich das Wasser von oben durch die Leitung schießen. 16 Stunden Zugfahrt – ich bin angekommen, endlich.

Bildunterschrift 1:
Kasachstan, Oktober 2011: Auf dem wassergrünen Boulevard in Astana. Foto: Constanze Jantsch

Bildunterschrift 2:
Kasachstan, Oktober 2011: Baum des Lebens - der Bajterek - Wahrzeichen der kasachischen Hauptstadt. Foto: Constanze Jantsch

Bildunterschrift 3:
Kasachstan, Oktober 2011: Der Präsidentenpalast in Astana. Foto: Constanze Jantsch

Bildunterschrift 4:
Kasachstan, Oktober 2011: Auf der (neuen) linken Flussseite des Jesils. Foto: Constanze Jantsch

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Aussender:
Constanze Jantsch
Constanze_Jantsch(at)web.de

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Asien/gc Kasachstan/gc

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